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Kurzgeschichte 

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Kurzgeschichte
Sie schaute auf die kleine goldene Uhr, die ihr linkes Handgelenk schmückte. Sie zeigte neun Uhr an. Heute hatten sie sehr pünktlich die Chorprobe beendet. Beim Heraustreten des Gebäudes knöpfte sie ihren Mantel zu, kramte in ihrer Handtasche nach dem Schlüssel und stieg ins Auto. Eine halbe Stunde würde sie fahren. Aus der Stadt heraus, an einem Kino vorbei, dann ein langer Feldweg, bis hin in ihre Behausung in einem kleinem Dorf. Sie drehte den Schlüssel. Kurz darauf brummte der Motor und Scheinwerfer erhellten die Straße, die sich vor ihr erstreckte. Zu Hause würden ihre Kinder warten, obwohl diese genau wussten, dass sie zu Bett gehen sollten. Aber Paul hatte schon längst das Gespür für seine Kinder verloren. Ständig kamen nur Beschwerden über die Kälte überall, dabei war er der einzige, der kalt geworden war. Umziehen wollte er, einfach weggehen. Dorthin, wo die Sonne scheint und selbst kühles Wesen die wärmenden Strahlen wahrnimmt. Die Melancholie hatte ihn vollkommen überrannt. Sie war am Ende des Feldweges angelangt und würde jede Minute an ihrem Haus sein. Von Weitem sah sie, wie Licht im Wohnzimmer brannte. Sie fuhr ihr Auto in die Garage und nahm ihre Tasche vom Beifahrersitz. Als sie in die Wohnung eintrat, erblickte sie Paul, der völlig stumm an seinem Platz saß. Um ihn herum lagen vollgekritzelte Zettel auf dem Tisch. Sie ahnte, was er dort tat. Sie versuchte die erstickende Stille zu durchbrechen, strich sich die Haare aus dem Gesicht – eine einstudierte Bewegung, die sie immer machte, wenn sie sich nichts anmerken lassen wollte. Worte, sie brauchte Worte, um die Scheiben der Ruhe zu zerstören. Sie kannte die Antwort auf ihre Frage: „Schlafen die Kinder?“

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